Das Kaff im Süden
Ohne Grabstein
Alle paar Jahre fahre ich, wenn sich die Gelegenheit ergibt, in ein kleines süddeutsches Kaff unweit der Autobahn, in dem ein Verwandter von mir einige Monate bei Freunden verbrachte, nicht lange bevor er starb. Ich halte an irgendeinem Altglascontainer, Sporthallenparkplatz oder Vorgarten und denke dort für die eine und andere halbe Stunde an ihn. Denn in diesem Ort steht angeblich, irgendwo auf einem weitläufigen Privatgrundstück mit Gitter und Mauer, ein Grabstein für ihn; den habe ich allerdings noch nie gesehen. Seine Asche hingegen wurde ganz woanders verstreut.
O., so nenne ich ihn einmal, ist in den 1990er-Jahren an den Folgen von Aids gestorben und ich bin darüber noch immer wütend und traurig. Traurig unter anderem, weil ich ihn sehr, sehr mochte und er einfach viel zu früh gegangen ist; wütend unter anderem, weil er sich – jedenfalls soviel ich weiß – nie innerhalb der Familie als homosexuell hat outen können oder wollen.

In der weitläufigen (im Kern norddeutschen) Familie war er nicht der einzige mit einem etwas chaotischen Leben, nicht der einzige mit exzentrischen Angewohnheiten, nicht der einzige mit einer schnoddrig-charmanten Nonchalance selbst in heiklen Situationen. Aber wenn er in den 1970er-Jahren seinen Besuch bei unserer Normfamilie in der neuadretten westdeutschen Bürgerwelt ankündigte (und er war ein treuer Besucher), rannten wir immer erstmal raus um zu sehen, was für ein fesches Auto er diesmal fuhr. Derweil meine Eltern sich von einem Käfer zu einem endlich weicher gepolsterten französischen Wagen hochgearbeitet hatten, kam er einmal mit einem Jeep daher, ein andermal mit einem BMW 2002 Cabrio. Und wir wunderten uns ein wenig, woher er wohl das Geld dafür hatte, denn einen richtigen Beruf nach bürgerlichen Maßstäben hatte er nicht. Er lebte immer irgendwo und unterstützte Leute bei Sachen; Projekte sagte man damals noch nicht. Eine Zeitlang war er Immobilienmakler (und fuhr zu diesem Behufe noch dickere Autos, sonst sei das nicht seriös darstellbar. Aber auch die Erzählungen über diese Tätigkeit waren für unsere Kinderohren zumeist rätselhaft (oder auch bezaubernd) unkonkret und nebelhaft. Dominierendes Element aller stets umwerfend unterhaltsam vorgetragenen Abenteuergeschichten waren seine Burschenschaft aus Studententagen und die dazugehörigen »Brüder«, überall im Land und meist eher weit oben auf der Sprossenleiter gesellschaftlicher Bedeutungszuschreibung. Er hatte eine Zeitlang an einer sehr traditionsreichen Uni studiert, ob er das Studium abgeschlossen hatte, haben wir nie so richtig erfahren. Es spielte offenbar keine so große Rolle.

Der Zeitsprung von 2020 zurück ins Jahr 1980 könnte nicht größer und weiter sein als in Bezug auf die Wahrnehmung Homosexueller in unserer damaligen westdeutschen Hintermmondhaftigkeit. Es gab wohl eine fragmentarische Sprache für den einen oder anderen Mann in der weiteren, der sehr weiten Verwandt- oder Bekanntschaft, mal waren es notorische Junggesellen, mal isolierte Goldfasane, Stenze, Tunichtgute, Hagestolze. Begriffe aus der verklebten und verstaubten Vitrine einer zum Glück vergangenen Zeit. Und doch ist ihr Klang noch im Ohr. O. passte nicht in diese Begriffe, weil er für uns immer jung war, lustig, lebendig, gesellig, zugewandt, treuer als die meisten anderen, fürsorglich, großzügig gegenüber den Verwandten. Und offenkundig auch freier, un-spießiger. Deshalb mochten wir ihn auch so.
Irgendwann jedoch änderte es sich. Jemand, dessen Namen ich nicht behalten habe, bei dem er viele Jahre gelebt hatte – der Sprachregelung nach, um dessen Korrespondenz, Strippenzieher-Netzwerk sowie Vorlass zu managen – starb hochbetagt. Das Kapitel war somit abgeschlossen. Eine quasi-Anstellung für O. folgte in einem ganz anderen Kontext, ganz woanders, bei uns in der Nähe. Und eine gewisse Wurzellosigkeit wurde für uns erkennbar, wie sie vorher eben nicht so wahrnehmbar war (oder nicht gesehen werden sollte, wollte). O.s Lebensweise zeigte etwas dauerhaft Provisorisches, er tauchte immer öfter bei uns auf, während wir Kinder gerade dabei waren, uns von zu Hause auf den Weg woanders hin zu machen. Seine neue Aufgabe war, so hieß es, sehr fordernd, das Umfeld wohl nicht mehr so vertraut wie zuvor, die Arbeit anstrengend, eine Wohnung für ihn vor Ort fand sich nicht. Schließlich zog er bei uns ein, ins große Zimmer im Keller, zu der Zeit ein erprobtes Refugium für Gäste, die länger blieben: großes Zimmer mit Bad, aber ohne Küche und ohne eigenen Eingang. Das Haus war groß genug, um entspannt zu koexistieren. Und es war ein nettes, familiäres Arrangement.
Ich zog weg zum Studium, sehr weit weg und bekam weniger mit, was O. so machte. Es war diffus, unklar, aber immer noch unterhaltsam. Dann meldete er sich häufiger krank, blieb wochenlang »zu Hause«, verschwand für längere Zeit zum Erholen, kam wieder. Dann zog er aus, der Job in unserer Nähe war – so hieß es – vorbei. Und er logierte fortan im Süden bei Freunden mit edel klingendem Namen, es hörte sich wieder nach Burschenschaft an. Er zog sich, so ließ er uns wissen, eine heftige Gürtelrose zu.
Nach einiger Zeit sah ich ihn dort wieder; wir trafen uns in der nächsten großen Stadt. Er fuhr ein tolles, riesiges Auto. Es hatte ein Autotelefon und ich durfte es benutzen; kaum vorstellbar, wie aufregend das etwa 1992 war. Er quartierte mich als sein Gast auch bei seinen Freunden ein. Er schien freilich mehr geduldet als umsorgt zu sein. Und dann, ein paar Monate später, hörte ich, er sei von einem befreundeten Arzt unserer Familie untersucht worden - und über diesen Umweg gelangte das Wissen um seine Aids-Erkrankung zu mir. Er war wütend, weil er es nicht hatte offenbaren wollen. Und wir waren traurig, weil er uns als weitere Familie, bei der er immerhin untergekommen war, immer ausgeschlossen hatte.
Nun wussten wir es und wussten doch so wenig. Klar wussten kundige Menschen im Jahr 1993, was eine Aids-Erkrankung bedeutete. Und doch nur oberflächlich. Er starb ein paar Monate später; in den Armen eines guten Freundes, wieder an einem Ort von dem wir gar nichts wussten, aber geborgen im Netzwerk der Burschenschaften. Meine grundsätzliche Abneigung gegen dieses Milieu ist dadurch nicht wirklich geringer geworden, aber dass es O. eine Art Heimat, eine Familie gewesen ist, die ihn gehalten hat, jedenfalls über eine lange Zeit, ist auf eine Weise tröstlich. Bei der Trauerfeier für ihn, auf irgendeinem düsteren Schloss, dessen Ort und Name ich schnell wieder vergessen habe, hieß es in einer Rede, seine Asche werde überm Meer verstreut, und ein Stein werde für ihn in dem Ort im Süden aufgestellt, wo er über lange Monate zu Gast bei Freunden war.

Und deshalb halte ich dort immer wieder an, weil es der einzige Ort ist, den ich mit ihm verbinden kann. Das Elternhaus, in dem er zu Gast war, ist längst verkauft, seine anderen Stationen kenne ich nicht. Die Freunde, die ihn zuletzt betreut haben im Hospiz, die kenne ich auch nicht. Dann sitze ich da wieder im Auto in diesem Kaff, traurig, weil er nicht mehr da ist, wütend, weil unsere Gesellschaft und damit er selbst auch damals noch nicht so weit waren, mit der Homosexualität, mit der Aids-Erkrankung offener umzugehen und ich zu jung, zu borniert, zu schüchtern war, um mit ihm das Gespräch zu suchen. In wie vielen Familien mag es einen O. geben? Ich denke oft an ihn.